Zuspitzung des Konfliktes im Isthmus

Zuspitzung der Situation im Isthmus von Oaxaca

Internationales Unternehmen „mareña renovables“ droht mexikanischem Staat damit, ihr Windparkprojekt in einem anderen Staat zu verwirklichen, wenn dieser nicht endlich Maßnahmen ergreift, um die Bauarbeiten fortsetzen zu können.

Trotz des gerichtlich verhängten Baustopps durchbrach die Polizei die Barrikaden der Dorfbewohner. Ob es dabei zu Verletzten kam, weiß ich nicht, wenns was Neues gibt, halte ich euch auf dem Laufenden.

aktuelle Infos auf Spanisch findet ihr auf dem blog Tierra y Territorio

Außerdem: UNO-Funktionär über die Erfolge in der Hunger- und Armutsbekämpfung der linksgerichteten Staaten Lateinamerikas und die Diffamierungen durch die Medien.


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III.Teil des EZLN-Kommunique

Sie und Wir – III. Die Vorarbeiter

einfach nur großartig! mit Humor und Satire haben wir sie schon 1000-fach besiegt! La lucha sigue!

außerdem noch ein Link zu einem Artikel zur aktuellen Situation in Chiapas von Luz Kerkeling (schöne Grüße an dieser Stelle)

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Online-Aktionen

Online-Aktion zur Unterstützung von GemeindeverteidigerInnen, die sich gegen das Windenergie-Megaprojekt im Istmus von Oaxaca zur Wehr setzen.

und weitere Online-Aktion zur Unterstützung der Hungerstreikenden gegen Gen-Mais-Anbau in Mexico

außerdem findet ihr jetzt unter „Material“  Broschüren zu Feminiziden, zur Menschenrechtssituation in Oaxaca,…

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Artikel zu Ausschreitungen

Spannender und nachdenklicher Artikel zu den Ausschreitungen zum Amtsantritt von Enrique Peña Nieto am 1. Dezember in Mexiko-Stadt

„Wo jede politische Selbstorganisation kriminalisiert wird und Wahlen eine Farce sind, was bleibt da noch? Auf einem der Brückenpfeiler, vor der dunklen Metallwand in San Lázaro, hat jemand in weißer Farbe geschrieben: „Wir sind keine Guerilleros, aber bald werden wir es sein“.“

Wem nützt die Gewalt?

Wie können wir uns organisieren?

Was bleibt von den Protesten?

 

 

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neues von der EZLN

neues Kommunique von der EZLN

Teil 1

Teil 2

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Neues Video

Neues Video zur Situation im Isthmus von Tehuantepec, Oaxaca, Mexico, auf spanisch

 

 

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Noticias 2

“Könnt ihr das hören? Es ist der Klang ihrer Welt, die zusammenbricht. Es ist die unsere, die wiederkehrt. Der Tag, der Tag war, wurde Nacht, und die Nacht wird der Tag sein, der Tag sein wird.“

Menschenrechtsverteidigung Oaxaca und Konflikt im Isthmus

In den letzten Monaten war hier unglaublich viel los. Also erst mal haben wir von consorcio zu einem Treffen von Menschenrechtsverteidigerinnen aus ganz Oaxaca eingeladen. Das war megaspannend und berührend. Es kamen so um die 60 Frauen aus ganz Oaxaca, viele langjährige Aktivistinnen aus unterschiedlichen Kämpfen, sowie Anwältinnen und Betroffene von Menschenrechtsverletzungen. Darunter auch Betina Cruz, die sich zusammen mit vielen anderen gerade im Isthmus von Tehuantepec gegen den geplanten Windanlagenpark wehrt. Bettina war im Sommer auch bei uns in Potsdam und hat über die Situation in Oaxaca berichtet. Der Isthmus ist eine Landenge  im Süden von Oaxaca und grenzt an Chiapas an und dort soll auf einer Landzunge ein weiterer Windpark für rund 985 Millionen US Dollar gebaut werden. Das geschieht teilweise ohne die Einwilligung der Leute, denen das Land gehört bzw. die dieses nutzen. Das Land wurde den Leuten spottbillig abgekauft, viele Autoritäten in den betroffenen Gemeinden wurden mit Geld bestochen und haben so das Megaprojekt abgesegnet. In der Region leben die Menschen hauptsächlich vom Fischen, das heißt der Zugang zum Meer ist ihre Lebensgrundlage. Während der Bauarbeiten des Windanlagenparks werden die Fischer keinen Zugang zum Meer haben und auch danach ist unklar wie die Landzunge dann aussieht und ob das Fischen dann überhaupt noch möglich ist. Denn um die riesigen Windanlagen auf der sandigen Landzunge zu befestigen, benötigen diese riesigen Betonpodeste, damit sie nicht umkippen. Was das für Auswirkungen auf die dortige Tier- und Pflanzenwelt hat, ist noch nicht abzusehen. Die „grüne“ Energie die dort produziert wird, fließt in die Fabriken der großen Konzerne. Die können sich dann damit rühmen, dass sie saubere grüne Unternehmen sind. Der internationale Konzern der den Windanlagenpark baut heißt Mareña Renovables, daran beteiligt sind die australische Firma Australia’s Macquarie Infrastructure Fund, Mitsubishi und PGGM, ein dänisches Unternehmen. Die Bevölkerung vor Ort bekommt nichts von der Energie ab, stattdessen steigen die Energiepreise laufend in der Region, obwohl so viel Energie produziert wird wie nirgends anders im Land. Die werben auf ihrer Internetseite sogar mit dem Slogan, dass der Windpark ein Projekt sei, welches gedacht ist für ein besseres Leben aller in der Gemeinde. Schöner Zynismus… Die Leute haben sich vor Ort organisiert und es gibt viel Protest aus den betroffenen Gemeinden. Es wird versucht die Aktivist_innen einzuschüchtern, so kam es in den letzten 4 Monaten allein zu 14 gewaltvollen Übergriffen auf die Aktivist_innen. Viele, darunter Bettina bekommen Morddrohungen, deshalb befindet sie sich gerade auf der Flucht mit ihren Kindern. Die Regierung gibt dem Unternehmen Rückendeckung, da sich der Gouverneur von Oaxaca damit rühmt, dass in seinem Staat der größte Windpark Lateinamerikas steht. Vor Ort wird immer wieder Polizei und auch Militär eingesetzt, um die Proteste zu unterbinden und die Bauarbeiten zu schützen. Im letzten Monat konnte das besetzte Rathaus wieder von den Aktivist_innen zurück erobert werden, woran insbesondere Frauen beteiligt waren. Auch wurde ein Gerichtsurteil erwirkt, der den Bau solange stoppt, bis ein Gutachten über die Auswirkungen des Windparks auf die Umwelt vorliegt. Das ist der erste Fall, indem Aktivist_inen vor Gericht Erfolg hatten und daher ein großer Gewinn für die Bewegung. Nichts destotrotz werden die Bauarbeiten höchstwahrscheinlich demnächst wieder fortgesetzt werden, da das Projekt für Mexiko prestigeträchtig ist und Geld bringt und die Regierenden Angst haben, dass dann weitere Konzerne abspringen. Ich bin gerade noch selber am Recherchieren zu dem Konflikt und zwei andere Freiwillige machen gerade eine Filmreportage über diesen Landkonflikt. Mehr Infos findet ihr auf Facebook und hier und hier.

 

Aber nun zurück zum Menschenrechtverteidigerinnen-Treffen von consorcio: dort wurde sich über die Erfahrungen der Aktivistinnen ausgetauscht, es wurde sich vernetzt und über die besondere Lage von Menschenrechtsverteidigerinnen in Mexico gesprochen, denn sie sind teilweise anderer Repressionen ausgesetzt als männliche Menschenrechtsverteidiger. So sind sie beispielsweise auch von sexueller Gewalt betroffen. Die meisten Frauen haben Familie und diese werden dann häufig gleich mitbedroht. Ihre Arbeit für die Menschenrechte nimmt einen Großteil ihrer Zeit in Anspruch, deshalb haben sie oft ein schlechtes Gewissen ihren Kindern und ihrer Familie gegenüber, weil du ja als Frau und Mutter in erster Linie für diese da sein sollst. Viele haben aufgrund der Situation und Repression gesundheitliche und psychische Probleme und / oder müssen sich aufgrund der Morddrohungen extrem in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken. Um weiter im Austausch zu bleiben wurde ein Netzwerk gegründet. Zeitungartikel über die Gründung des Netzwerkes der Menschenrechtsverteidigerinnen in Oaxaca. Auf dem Treffen wurde auch die momentane Situation in Oaxaca analysiert: Oaxaca ist der Staat mit der prekärsten Situation für Menschenrechtsverteidiger_innen und Journalist_innen, hier werden die meisten Verstöße gegen Menschenrechte landesweit registriert.  Hier eine Broschüre von Consorcio zur Situation der Aktivistinnen und Menschenrechtsverteidigerinnen in Oaxaca (spanisch).

 

Außerdem wurde analysiert, dass die momentane Situation gerade mit der Lage 2006 zu vergleichen ist, da alle zivilen Organisationen gerade mobilisieren und die Leute echt sauer sind. Bei amnesty international gibt es gerade auch eine Petition gegen die Reform der mexikanischen Verfassung. Generell wird amnesty hier ziemlich positiv gesehen und sie arbeiten auch extrem schnell, wenn was passiert, soll wohl 2006 auch sehr gut geklappt haben.

 

Amtsantritt Peña Nieto

Dann gabs hier in Oaxaca noch kurz vor dem Amtsantritt von Peña Nieto ne Riesendemo von den Gewerkschaften und weiteren Gruppen mit tausenden von Leuten und es wurde für den ersten Dezember zum Generalstreik aufgerufen. Außerdem hab ich dort zum ersten Mal mexikanische Anarchisten gesehen. Voll cool sie haben uns auch gegrüßt (ich hatte das Kukutza-Solishirt mit den 2 Autonomen drauf an 😉 Am nächsten Tag gabs dann gleich noch ein Streik der Kollektivtaxis hier, die haben alle Hauptstraßen von Oaxaca-Stadt blockiert.

 

Am 1. Dezember ist die „neue“ PRI-Regierung angetreten und es gab in Mexiko-Stadt Ausschreitungen und Proteste gegen Pieña Nieto, auch im Parlament. Auf der Protestdemo wurde ein Demonstrant von einer Tränengasgranate getroffen.

 

Keine neuen Freiwilligen nach Oaxaca!?

Besorgniserregend ist, dass die deutsche Botschaft 2013 keine Freiwilligen mehr nach Oaxaca entsenden will, wahrscheinlich eine Weisung aus Mexiko, weil die hier keine internationalen Beobachter_innen mehr haben wollen. Begründet wurde das Ganze mit der Sicherheitslage in Oaxaca, allerdings dürfen nach Chiapas (wo die Lage ähnlich ist) und nach Mexiko-Stadt (!) weiterhin Leute geschickt werden. Ich schätze mal 2013 könnte hier in Oaxaca ziemlich heiß werden, aufgrund der vielen Landkonflikte die es gerade gibt.

 

Kampf um Territorien

Bald findet hier ein auch landesweites Treffen von Aktivisten statt, die in verschiedenen Kämpfen zum Thema Territorium arbeiten, die benötigen um das Treffen zu organisieren noch dringend Geld, weitere Infos dazu findet ihr hier und auf der Internetseite von Aktivisten im Kampf um Territorien in Oaxaca.

 

Aufmarsch der Zapatisten

Und natürlich, nicht zu vergessen, der Aufmarsch der Zapatisten am 21. Februar in den 5 größten Städten Chiapas: Ocosingo, Las Margaritas, Altamirano, Palenque und San Cristóbal de Las Casas. Ein öffentliches Zeichen nach langen Jahren, in dem die Zapatisten nicht mehr groß öffentlich in Erscheinung getreten sind. Ich hab auch nur die Videos gesehen, fand es aber auch sehr beeindruckend, gerade weil in silencio marschiert wurde. Gerade nach dem medial inszenierten Wahlkampf hier ein großartiges Symbol! Im Kommuniqué wurde gesagt, dass sich die EZLN wieder an zivilen Initiativen beteiligen will und dass das Jahr 2012 eines der repressivsten Jahre mit vielen Übergriffen auf zapatistische Gemeinden war. Wir werden sehen wie es dort weitergeht und ob das Jahr 2013, die neue Dekade, eine andere Welt bringt! mehr Infos.

Kommuniqué der EZLN vom 29.12.2012

Kommuniqué der EZLN vom 31.12.2012

Weihnachten und Silvester

Ja, ansonsten hab ich Weihnachten am Strand in Mazunte verbracht. War sehr schön, Fotos könnt ihr hier bestaunen. Ansonsten hatten wir hier noch unser Zwischenseminar, sind ja mittlerweile schon 5 Monate hier und das war sehr interessant, da jeder aus seinem Kontext erzählt hat: Chiapas, Mexiko-Stadt, Oaxaca und Honduras. Und sich viele Erfahrungen gleichen aber die Kontexte teilweise sehr unterschiedlich sind, zum Beispiel, dass in Chiapas im Gegensatz zu Oaxaca viel weniger Comunidades nach den usos y costumbres (Selbstverwaltung, ohne Parteien) leben, obwohl man ja den indigenen Widerstand eher mit Chiapas und den Zapatisten verbindet. Und man in Mexiko-Stadt so gar nichts von indigener Kultur mitbekommt.

Musik aus Mexico

Noch was anderes ein paar Links zu coolen Bands aus Mexiko auf die ich hier gestoßen bin:

Senda de Honor

Lila Downs

Los Cojolites

Mare

Noch ne kleine doku über mare auf englisch

Dan skillz

Also dann compañer@s hoch die Faust und lasst uns eine neue bessere Dekade beginnen!

„Wir sind aus der Nacht heraus geboren. In ihr leben wir. In ihr werden wir sterben. Aber das Licht wird morgen für die anderen sein, für all jene, die in der Nacht weinen, für die, denen der Tag verneint wird.“

 

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fotos aus Oaxaca

Endlich hab ich es mal geschafft einige Fotos aus Oaxaca hochzuladen. Sind aber alle unsortiert, einige vom hierve el agua, aus der sierra norte, vom día de los muertos, von meinem Zuhause, von der Stadt,…

aber seht selbst: http://www.flickr.com/photos/bella_oaxaca/

Ich hoffe sie gefallen euch! Bis demnächst!

sonnige grüße

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Noticias de Oaxaca, México

Hola companer@s!

Hier kommt also mein erster Eintrag. Hat lange gedauert, zum einen, weil ich echt lange gebraucht habe um mich hier halbwegs einzuleben und die Zeit zum Schreiben und Reflektieren einfach gefehlt hat und zum anderen war ich mir auch ganz lange nicht sicher, wie ich zwischen Politik und Persönlichem unterscheiden soll. Schlussendlich unterscheid ich da gar nicht, denn das Persönliche ist ja auch politisch. Aber wenn ihr jetzt Demoberichte oder Berichte von politischen Versammlungen erwartet, muss ich euch leider enttäuschen, dafür gibt’s andere interessante und persönliche Eindrücke aus Oaxaca, Mexiko. Manche Sachen sind auch noch nicht zu Ende gedacht und ich lade euch ganz herzlich ein, mich mit Fragen und Kommentaren zu bombardieren. Mir geht’s vor allem darum, über die Lage hier vor Ort zu berichten und natürlich meine Organisation Consorcio und ihre engagierte Arbeit bekannt zu machen. Da der Eintrag jetzt doch recht lang geworden ist, mittlerweile bin ich ja schon 3 Monate hier, hab ich versucht alles in Unterthemen einzuteilen, damit es übersichtlicher und leichter lesbar ist.

Yo

Dann stell ich mich erst mal vor: Ich heiße Annabell, bin 24 Jahre alt und habe gerade mein Studium in Soziologie, Erziehungswissenschaft und gender studies erfolgreich beendet und mache gerade ein Freiwilligenjahr mit dem deutschen Freiwilligenprogramm weltwärts in Oaxaca de Juárez, Mexiko. Für mich stellt dies vor allem eine Möglichkeit dar, das in der Uni oder in diversen Seminaren und Büchern theoretisch Angeeignete in der Praxis anzuwenden, vor allem was den (Post)Kolonialismus und gender-Theorien angeht und natürlich die Möglichkeit in einem anderen Land zu leben und dessen Kultur und Menschen kennen zu lernen.

Das Freiwilligenprogramm weltwärts

Mein Jahr in Oaxaca läuft über das Programm weltwärts. Dieses ist durchaus kritisch zu betrachten, zum einen, weil es aus Entwicklungsgeldern bezahlt wird, die an anderer Stelle sicherlich mehr gebraucht werden. Auf der anderen Seite ist es ein einseitiges Programm, weil es Menschen aus der sogenannten „3.Welt“ nicht ermöglicht einen Freiwilligendienst in Deutschland zu machen. Obwohl natürlich viele Mexikaner_innen daran interessiert wären. Das ist zum Kotzen und macht mich unglaublich wütend. Mensch stelle sich mal ein Programm vor, dass es auch jungen Mexikaner_innen ermöglicht für ein Jahr nach Europa zu kommen und einen Freiwilligendienst zu machen. Letzte Woche habe ich gehört, dass es wohl jetzt die Idee gibt, dass das Programm weltwärts auch einen Austauschteil hat, allerdings wohl nur für eine verschwindend geringe Zahl von Leuten, die im Austausch nach Deutschland kommen dürfen. Wenn jemand mehr darüber weiß, kann er mir ja mal Bescheid sagen, wo man sich da bewerben kann, dann gebe ich das hier weiter.

Der zweite Kritikpunkt am weltwärts-Programm dreht sich um das Profil der Teilnehmer_innen. Es gibt dazu einen Evaluationsbericht aus ihm geht hervor, dass die meisten Teilnehmer_innen aus höheren Schichten stammen und gerade ihr Abitur beendet haben. Den Sinn reichen Kiddies jedes Jahr ein Auslandsjahr zu finanzieren (84 Millionen Euro von 2008-2010) ist wirklich in Frage zu stellen. Zumal dieses Programm ins Leben gerufen wurde, um Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien und/oder mit Migrationshintergrund einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen, aber diese Zielgruppe wird mit dem Programm kaum erreicht. Und fraglich ist auch, wie viel die Freiwilligen den Organisationen vor Ort, z.B. hier in Mexico, wirklich nützen. Sicherlich ist es wichtig, dass in Mexiko internationale Freiwillige arbeiten und auch die Menschenrechtslage hier vor Ort im Blick haben und darüber berichten, damit Menschenrechtsverletzungen bekannt gemacht werden, nicht ungestraft bleiben und mehr Menschen intervenieren können. Aber fraglich ist, ob alle Freiwilligen dies auch im Blick haben. Was ich von manchen Vorbereitungsseminaren anderer Entsendeorganisationen gehört habe, ist wirklich gruselig, die meiste Zeit wird für die Vorbereitung auf das Spendeneintreiben verwendet (alle Freiwilligen müssen einen Teil des Geldes durch Spenden eintreiben) und nicht um sich inhaltlich mit der Situation in den Ländern und der eigenen Position als Freiwillige_r kritisch auseinander zu setzen. Des Weiteren gibt es eine ziemlich gruselige Reportage über das weltwärts-Programm, welche anprangert, dass man jedes Jahr hunderte unvorbereitete und unerfahrene Freiwillige in Krisengebiete schickt und keiner so richtig für ihre Sicherheit verantwortlich ist bzw. sich verantwortlich fühlt. Die Reportage findet ihr hier. Natürlich sind das extrem schlimme Fälle aber es sollte jeder_m Freiwilligen bewusst sein, dass man sich in Kontexten befindet, in den Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind.

Meine Entsendeorganisation – Das Welthaus Bielefeld

Meine Entsendeorganisation ist das Welthaus Bielefeld. Sie unterstützen insbesondere soziale und ökologische Projekte. In Mexiko haben sie Projekte in den beiden Bundesstaaten Oaxaca und Chiapas, die sich vor allem für die Rechte der indigenen Bevölkerung einsetzen. Das Welthaus Bielefeld hat sehr viel Aufmerksamkeit auf die inhaltliche Vorbereitung der Freiwilligen auf ihre jeweiligen Kontexte gelegt. Es wurden Menschen aus Mexiko eingeladen, die über die Situation und ihre politische Arbeit berichtet haben und ich konnte schon während der Vorbereitungsseminare viel über die Situation in Mexiko lernen. Des Weiteren wurde sich ein ganzes Wochenende mit den Themen (Post)Kolonialismus und Rassismus auseinandergesetzt. Auch der Terminus Entwicklungsarbeit wurde dabei kritisch betrachtet. Die Projekte wurden individuell, je nach Präferenz der Freiwilligen zugeordnet.

Spenden

Wie oben schon kurz erwähnt, wird von jeder_m Freiwilligen erwartet, dass er_sie 1800€ eintreibt – unabhängig von der ökonomischen Situation der_des Freiwilligen – weil sich das Welthaus über Spenden finanziert. Das Spendeneintreiben ist so´ ne Sache, wenn man nicht gerade aus einer reichen Familie stammt mit vielen Kontakten zu anderen reichen Familien und Unternehmen, ist es nicht einfach dieses Geld durch Spenden zusammen zu bekommen, wenn man keine große Lust hat sich von kapitalistischen Firmen finanzieren zu lassen und eventuell noch ihre Forderungen zu erfüllen z.B. das Erscheinen des Firmennamens auf dem Blog oder den Quartalsberichten. Dementsprechend habe ich momentan noch nicht mal die Hälfte zusammen, obwohl ich schon mein Auto verkauft habe. Wer was spenden will oder Menschen kennt, die bereit wären was zu spenden, schreibt mir einfach kurz ne Mail und ihr bekommt dann ein Spendenformular zugeschickt.

Mi trabajo aquí

Hier in Oaxaca arbeite ich in einer feministischen Organisation, die Consorcio para el Diálogo Parlamentario y la Equidad Oaxaca heißt. Sie arbeitet u.a. zu Feminiziden, gegen Gewalt gegen Frauen, für das Recht auf einen legalen Schwangerschaftsabbruch, denn jedes Jahr sterben tausende von Frauen in Lateinamerika an den Folgen von clandestin vorgenommen Abtreibungen, weil Abtreibungen hier illegal sind und strafrechtlich verfolgt werden. Gleich in meiner ersten Woche war eine Frau bei uns im Büro, die gerade aus dem Knast entlassen wurde. Sie saß 1 Jahr lang wegen einer Abtreibung. Diese Frauen müssen nicht nur mit der der eigenen Entscheidung, der Verachtung ihres sozialen Umfeldes und der Gesellschaft klar kommen, sondern werden dafür auch noch in den Knast gesteckt. Das ist wirklich unvorstellbar und dann noch in einem Land, wo Kinder zu Hauf auf der Straße leben, wo Polizei und Politiker korrupt sind und dann von diesen Leuten wegen einer persönlichen Entscheidung in einer Notsituation in den Knast gesteckt zu werden ist mehr als ungerecht, es ist total absurd.

Außerdem arbeitet consorcio mit Frauen aus der Region mixe zusammen, sie geben dort Seminare, um Frauen zu stärken, weiterzubilden und über ihre Rechte aufzuklären. Das Ziel dieser Seminare ist, dass auch die Frauen in den comunidades partizipieren und ihre Rechte kennen und sich dementsprechend auch für diese einsetzen können. Die Region mixe zählt zu den ärmsten indigenen Regionen in Oaxaca und ist durch die Migration in die USA oder in größere mexikanische Städte gekennzeichnet. Viele, insbesondere die Frauen können weder lesen noch schreiben, haben keine Schule besucht oder nur wenige Jahre. Vor ein paar Wochen war hier eine Karawane von Müttern die ihre Kinder, die in die USA migriert sind, gesucht haben. Sie haben eine Tour durch ganz Mexiko gemacht, das war ziemlich ergreifend und es ist echt krass, dass sie Jahre lang nicht wissen, wo ihre Kinder sind und die mittlerweile teilweise auch schon Kinder haben. Einige der Mütter konnten ihre Kinder wiedertreffen aber es ging vor allem darum auf die prekäre Situation der illegalisierten und rechtlosen Migranten auf ihren Weg in die USA aufmerksam zu machen und die Politiker zur Verantwortung zu ziehen. Eine ergreifende Reportage über Las Patronas, die den Migranten auf den Zügen Essen zureichen findet ihr hier.

Las comunidades – erste partielle Eindrücke

In den comunidades ist nicht alles so revolutionär-romantisch, wie das gerne in linken Medien dargestellt wird. Es ist teilweise schon krass was dort abläuft, insbesondere was die Frauen und Kinder angeht. Es ist oft normal, dass die Kinder mit 14 oder 15 an ältere Männer verheiratet werden. Das find ich echt krass und ich hätte vorher nie gedacht, dass das hier so läuft. In vielen comunidades dürfen Frauen nicht an den Asambleas (Versammlungen) teilnehmen, auf denen alle Entscheidungen, die das Gemeindeleben betreffen gefällt werden. Das heißt, sie sind vollkommen aus dem öffentlichen Bereich ausgeschlossen. Ihre Aufgaben sind Kinder erziehen, Kochen und Putzen und zusätzlich noch arbeiten gehen z.B. auf dem Feld. Was ich in meiner Arbeit über die Situation der Frauen in den comunidades höre ist nicht schön. Es existiert viel Gewalt in den Familien, der Alkoholismus der Männer ist ein großes Problem, viele Mädchen werden mit 12 oder 13 Jahren schon schwanger. Es gibt einen guten Film dazu, dieser spielt zwar in Ecuador aber die Situation und die Probleme sind die gleichen. Das hört sich alles noch nach einem langen Weg zur Gleichberechtigung und für ein freies Leben von Frauen in den comunidades an. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeitet consorcio in der Region mit Frauen zusammen. Ich denke, es ist auch sehr wichtig mit den Männern und Kindern in den indigenen Gemeinden zu arbeiten, denn sie bilden den anderen Part für die Garantie eines freien Lebens für alle. Das Fantastische an der Arbeit von consorcio ist, dass sie Multiplikatorinnen ausbilden, die dann Arbeit in ihren jeweiligen comunidades leisten, z.B. als juristische Beraterin für Frauen und so die Idee der Gleichberechtigung und der Frauenrechte immer weiter verbreiten. Auf den Seminaren sind auch immer einige Kinder der Frauen anwesend, ich denke, das ist eine wichtige Erfahrung für die Kinder und gleichzeitig eine Investition in die Zukunft, weil die Kinder in dem Wissen aufwachsen, dass sich auch Frauen artikulieren können, Rechte haben und was bewegen können, zum Beispiel ein Projekt in ihrer comunidad zu organisieren oder eine Rede zu halten.

In den comunidades, die nach den usos y costumbres (Gebräuche und Traditionen) leben, ist der Kollektivgedanke teilweise extrem repressiv. Man muss Gemeinschaftsdienste machen und auch Ämter übernehmen. Wenn du nicht da bist, weil du beispielsweise in den USA zum Arbeiten bist, musst du halt dafür zahlen, das wird erwartet. Die Rücküberweisungen aus den USA machen einen beträchtlichen Anteil am Bruttoinlandsprodukt Mexikos aus. Wenn die Migrant_innen es in den USA nicht zu Geld schaffen, haben sie ein Problem mit ihrer Familie und in ihrer comunidad, weil sie das Geld erwarten und man nicht einfach mit leeren Händen nach Hause kommen kann. Weiterführender Artikel zur Migrationssituation in Mexiko.

Ich möchte noch einmal betonen, dass das nur meine partiellen Eindrücke sind und es wahrscheinlich nicht in jeder comunidad oder Familie so abläuft und es auch schöne Dinge gibt, z.B. die Idee der Gemeinschaftsarbeit (Tequio), die teilweise sogar noch in den Städten existiert. Dort wird sich dann beispielsweise am Wochenende getroffen um gemeinsam einen Baum zu fällen oder andere gemeinschaftliche Arbeit zu verrichten. Aber durch meine Arbeit bei consorcio bekomme ich natürlich auch viel von den Schattenseiten mit. Diese ganzen Probleme sind auch im Kontext des (Post)Kolonialismus zu betrachten. Alte Strukturen und Traditionen brechen auf, zerfallen bzw. werden zwangsläufig durch die Globalisierung verändert, das führt zu vielen Ängsten und kann mitunter zur Radikalisierung bzw. zur Verweigerung jeglicher Veränderung oder Modernisierung führen. Fraglich ist zudem, ob das westliche Modell das einzig richtige Modell ist. Definitiv nicht, was die kapitalistische Produktionsweise und die damit verbundene Ausbeutung von Mensch und Natur angeht.

Viele Wiedersprüche

Mexiko ist ein sehr spannendes Land, sehr interessant, mit viel Kultur und immer in Bewegung außerdem ist vieles hier sehr widersprüchlich, z.B. ist die Jugend hier sehr us-amerikanisiert, das heißt us-amerikanische Marken und Produkte sind omnipräsent und fast alle tragen sie und ich habe nicht das Gefühl, dass sich damit kritisch auseinandergesetzt wird. Auf der anderen Seite existiert aber auch ein spürbarer Antiamerikanismus. Ich denke, dass sind direkte Auswirkungen des Postkolonialismus. Hier besteht ein enormer Druck, modern zu sein und zur „ersten Welt“ dazu zu gehören. Also wird viel Aufmerksamkeit auf Statussymbole, wie Markenklamotten oder technische Produkte gelegt. Beispielsweise hatte eine Freundin Geburtstag und ihre Familie ist relativ arm aber alle haben ihr Markenprodukte geschenkt. Des Weiteren ist auch eine ausländische Freundin ein Statussymbol, das bekommt frau hier ziemlich extrem zu spüren. Wo wir dann auch gleich beim berühmten mexikanischen machismo wären.

Sexismo y machismo

Naja was soll ich sagen? Also 1. Es ist nicht ganz so schlimm, wie ich erwartet habe. Es ist möglich als Frau in der Stadt abends alleine unterwegs zu sein. Tagsüber braucht man sich eigentlich hier in Oaxaca keine Sorgen zu machen bzw. fühl ich mich relativ wohl und sicher. Aber der Standard ist – auch für mexikanische Frauen – nicht alleine wegzugehen, ab 12 ein Taxi zu nehmen und die Taxinummer zu notieren und Freunden Bescheid zu sagen, wenn man zu Hause ist. Nichts destotrotz höre ich natürlich die Geschichten der Frauen auf Arbeit und Familiengeschichten von Freunden, wo eine klare Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern obligatorisch ist und Gewalt, sowohl gegen Frauen als auch Kinder, keine Ausnahme, sondern wohl eher traurige Normalität in vielen Familien ist.

Viele Männer finden sich hier scheinbar selbst so unglaublich umwerfend und sind der Meinung sie könnten einfach jede Frau haben. Das kann dann am Ende auch schon mal unangenehm werden, wenn frau nicht mehr will als Tanzen. Ein „Nein“ wird hier oft nicht akzeptiert. Das Bild der weißen Ausländerin, die sexuell immer bereit für alles ist, ist total nervig aber leider bestätigen, dass hier auch immer wieder die „weißen“ Frauen in den Bars, die jedes Wochenende mit nem anderen Mexikaner rummachen. Und dann versuch mal hier mit nem Typen „nur“ befreundet zu sein. Glücklicherweise gibt es auch einige Ausnahmen! J Ein anderes „Problem“ sind männliche US-Amerikaner, die benehmen sich hier wie die Könige der Welt, immer laut, unangenehm und besoffen. Ätzend!!!

Mein veränderter Blick auf die deutschen Verhältnisse?!

Wenn man so weit weg von zu Hause ist, bekommt man zwangsläufig eine andere Perspektive auf bestimmte Dinge und Probleme und stellt viel in Frage: meine vorherige politische Arbeit und die Relevanz unserer Themen, Kämpfe und Probleme. Das sind natürlich alles Sachen, die ich auch schon in Deutschland immer wieder kritisiert habe aber hier wird einem noch mal viel mehr klar wie beschränkt und einseitig teilweise unsere Sicht ist und wie partiell unsere Kämpfe sind. Was uns fehlt ist die Leidenschaft und die Vernetzung und Öffnung unserer Strukturen und Kämpfe für mehr Personen. Und auch unsere extreme Theoretisierung und unser akademischer Standard sind doch oft sehr hinderlich um auch mit anderen Menschen, die eben keinen solchen Hintergrund haben in Kontakt zu kommen bzw. verkomplizieren die Dinge manchmal unnötig. Die Beispiele hier zeigen mir aber, dass sich diese Öffnung lohnt und viele Früchte trägt. Hier in Mexiko läuft fast alles über Vernetzung, informelle Gespräche etc. Ich bin auch immer wieder überrascht wie offen mit vielen Sachen umgegangen wird, wie viel facebook und andere soziale Medien für die politische Arbeit genutzt werden. Sicher gibt es viel daran zu kritisieren aber es ist auch ein Schutz, wenn viele Menschen wissen was du machst und sich im Falle von Repression schnell solidarisieren können. Hier sind die sozialen Medien auch noch mal wichtiger, weil die normalen Medien, hier nicht die Wahrheit schreiben und die Berichterstattung oft gegen die sozialen und politischen Organisationen und Gruppen gerichtet ist, obwohl das gleiche gilt ja auch für die Springer-Presse in der BRD.

Ausländer_in sein

Des Weiteren musste ich hier sehr oft an die Situation von Migrant_innen und Flüchtlingen in Deutschland denken. Deutschland und die meisten deutschen Staatsangehörigen sind furchtbar kühl, dass wird mir hier so richtig krass vor Augen geführt. Das hat mir echt wehgetan hat, als ich das im Unterschied zum Leben hier realisiert habe. Auch ich war oft in der praktischen Zusammenarbeit mit Migrant_innen oder Flüchtlingen misstrauisch und distanziert, erst wenn man selbst mal Ausländer_in in einem anderem Land ist, wird einem bewusst wie verletzend und absolut scheiße so ein distanziertes und kühles Verhalten ist. Leute öffnet euer Herz! Wirklich, dass ist auch kein Hippiescheiß, aber es tut keinem weh ein bisschen weniger misstrauisch und dafür etwas freundlicher und offener zu sein und mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Hier in Mexiko vergeht kaum ein Tag wo ich nicht auf der Straße, im Supermarkt, im Bus,… von den unterschiedlichsten Menschen angesprochen werde und das tut gut, wenn man alleine in einem fremden Land ist, weil man sich nicht ganz so einsam fühlt und die meisten dieser Begegnungen und Gespräche auch sehr nett oder zumindest sehr lustig sind, z.B. wenn der Müllmann dir während du den Müll rausbringst sagt, dass er dich liebt, obwohl du gerade aufgestanden bist und alles andere als sexy aussiehst oder dich eine Frau auf der Straße fragt, ob du ihr eine Limone pflückst. Solche Erlebnisse hellen mir hier jedes Mal meinen Tag auf. In Deutschland ist es einfach nur eisig. Wer von der normalen Bevölkerung würde denn Migrant_innen auf der Straße nach ihrem Wohlergehen fragen. Natürlich ist die Migration nach Deutschland auch eine andere Situation als meine hier. Aber generell ein bisschen mehr Aufgeschlossenheit gegenüber den Mitmenschen würde wirklich gut tun. Mir war natürlich schon vorher klar in welch desaströsen und prekären Verhältnissen Flüchtlinge und manche Migrant_innen in Deutschland leben müssen aber jetzt kann ich es ein bisschen besser nachfühlen, was es bedeutet in Deutschland auf die Straße zu gehen und nur düstere Gesichter zu sehen und keine Gespräche führen zu können. Angst zu haben alleine irgendwo hin zu gehen, angestarrt zu werden und rassistisch beleidigt oder angegriffen zu werden. Nichtsdestotrotz bin ich hier natürlich in einer vollkommen anderen Situation: ich bin freiwillig hier, ich kann jeder Zeit zurück und ich bekomme meinen Aufenthalt vom deutschen Staat finanziert.

Sentimientos

Mexiko hat auf jeden Fall auch ne ganz besondere Aura oder Atmosphäre. Irgendwas ist in der Luft, vielleicht ist es aber auch nur das schöne Wetter, die viele Sonne und die schmalzigen canciónes oder das Heimweh und die Sehnsucht nach den Lieben zu Hause, jedenfalls bin ich total romantisiert und emotional unterwegs. Ich denk hier an Sachen, für die hätte ich mich in Deutschland „geschämt“. Aber warum nicht das Leben leidenschaftlich genießen, Emotionen zulassen, an die romantische Liebe glauben, über so was, für mich vorher total Abwegiges wie Kinder oder über das Pärchen-Zusammenziehen nach zu denken? Aber ehrlich gesagt, bin ich ziemlich glücklich diese Gedanken zu haben und sie zu zulassen. Bin gerade auch froh in nem Kontext zu sein, wo es nicht so angesagt ist offene Beziehungen zu führen und den Abstand zu haben, darüber zu reflektieren und sich selbst zu fragen, ob das wirklich so erstrebenswert ist und meiner Persönlichkeit entspricht. Ist das nicht auch nur ein Zeichen des immer weiter voranschreitenden Neoliberalismus? Wir sind so frei, so flexibel, wollen alle Optionen nutzen, damit man bloß nicht das Beste verpasst, sich bloß nicht festlegen, vielleicht kommt ja noch was Besseres… Versteht mich nicht falsch, ich will damit nicht sagen, dass wir zu alten Strukturen zurückkehren sollen und jetzt alle ne Familie gründen sollen und so aber vielleicht is ne bestimmte Verbindlichkeit oder Verlässlichkeit auch ganz nett und sollte vielleicht nicht von vornhinein als spießig abgelehnt werden. Ich hab das Gefühl, dass ich in Deutschland sehr rational und kühl war. Naja, obwohl die Leute die mich kennen, wissen ja, dass ich nen kleines Sensibelchen bin und ziemlich nah am Wasser gebaut bin. Aber das hat sich hier noch mal gesteigert 😉 aber mittlerweile seh ich das nich mehr als Defizit an, sondern als nen Reichtum an Gefühlen.

Educación y protestas

Insbesondere unter der indigenen Bevölkerung gibt es einen sehr niedriger Alphabetisierungsgrad, vor allem unter den Frauen. In manchen Regionen können 70% der Frauen nicht schreiben und lesen. 30% der Kinder beenden nicht die Grundschule bzw. haben nie eine Schule besucht. Generell gibt es nur eine 6-jährige Schulpflicht in Mexiko. Das sind erschreckende Zahlen, da muss man unbedingt was machen. Ich will mich demnächst auch noch mehr mit der educación popular beschäftigen und mit den ganzen Streiks und Protesten der Lehrer. Ganz aktuell waren jetzt ja gerade die Proteste an der UACM, der autonomen Universität in Mexiko-Stadt, weil dort die Unterweisung der indigenen Sprachen für PC- und Englisch-Kurse abgeschafft werden sollen. Es gab Ausschreitungen, die Bullen haben extrem viel Gewalt eingesetzt, viele Studis wurden verhaftet, es gab wohl auch Folter,… Mehr dazu findet ihr hier und hier

Aufstand 2006

Dann gleich noch was zum Aufstand in Oaxaca 2006, der ja auch mit Lehrerprotesten angefangen hat. Dieser ist hier auch nach 6 Jahren noch sehr präsent und sehr emotional. Eigentlich mit jedem, mit dem man hier spricht, kommt man irgendwann zu diesem Thema und jeder hat seine eigene Geschichte mit diesem Aufstand. Ich hatte an einem Wochenende mit meiner Chefin ein Gespräch über die Solidarisierungen während des Aufstandes in Oaxaca. Das war super bewegend, denn sie hat alle Solikarten und so gesammelt und meinte, dass das auch wenn es „nur“ Gesten der Solidarität sind, super wichtig ist und den Leuten hier vor Ort total viel gebracht hat. Bei dem Aufstand sind um die 30 Menschen ermordet wurden. Das ist echt krass denn Oaxaca-Stadt ist wie ein Dorf, das heißt jeder kennt hier jeden und das sind halt Freunde, Brüder, Familienväter die da ermordet wurden. Ich habe auch viele Fotos vom Aufstand 2006 gesehen, die ein Hamburger Fotograf und Aktivist gemacht hat, die findet ihr hier. Das ist ein komisches Gefühl in den Straßen zu laufen und zu wissen was hier vor 6 Jahren los war. Momentan ist es in Oaxaca relativ ruhig, also ab und zu sind Demonstrationen und Proteste vor dem Rathaus. Während des Unabhängigkeitstages gab es viele Demos und Proteste gegen die neue PRI-Regierung und auch die YoSoy132-Bewegung hat für Furore gesorgt. Hab aber von all dem fast nur indirekt aus den Medien oder von anderen Leuten erfahren. Obwohl ein marcha von campesin@s habe ich auch mitbekommen. Das war cool, weil ich zum ersten Mal die Spruch „El Pueblo unido, jamás será vencido“ live gehört habe, das war sehr bewegend!

Weitere Gedanken, Ausblicke und Kommentare zu Mexiko:

Las drogas

Der mit der Amtszeit von Calderón begonnene Drogenkrieg hat verheerende Auswirkungen, davon sind zwar vor allem die nördlichen Staaten betroffen aber zum Beispiel wurde die Stationierung von mehr Militär im Süden Mexikos auch mit dem Drogenkrieg begründet. Lutz Kerkeling, den ich im Vorbereitungsseminar kennenlernen durfte und der seit Jahren in Chiapas arbeitet, hat dazu einen Text geschrieben. Gedanken könnte man sich auch mal über den Zusammenhang zwischen dem Drogenkonsum in Europa und den USA und dem Drogenhandel in Lateinamerika machen. Vielleicht auch noch ein Grund mehr den eigenen Drogenkonsum mal in Frage zu stellen bzw. zu überdenken, denn wenn kein Absatzmarkt auch kein narcotráfico mehr. Hier noch nen Artikel zur Verbindung einiger mexikanischer Drogenkartelle nach Europa.

agua

Hier bekommt man wirklich ein anderes Verständnis von Wasser. Erst mal kann man das Wasser hier nicht trinken und zweitens sind selbst hier in der Stadt (in den colonias) nicht alle ans Wassersystem angeschlossen, sie nutzen Regenwasser zum Waschen. Drittens gibt es hier nicht immer Wasser, besonders im Sommer ist man oft mal 2 Wochen ohne Wasser. Aber auch jetzt sind wir gerade schon eine Woche ohne Wasser, zumindest auf meiner Etage. Das heißt nur kalt duschen und ich bin doch so´ne Warmduscherin. Generell vermisst man hier schon die gut funktionierende Infrastruktur und den Service in Deutschland. Dieser Luxus war mir vorher so nicht bewusst. Ständig funktioniert hier irgendetwas nicht, und die Reparaturen dauern auch viel länger und meistens funktioniert danach irgendetwas anderes nicht. Deshalb dauert hier alles viel viel länger und ist umständlicher.

Feminismus in Mexiko

Gerade bin ich dabei ein bisschen mehr über feministische Bewegungen in Mexiko zu lesen und plane Interviews mit meinen Arbeitskolleginnen zum Thema Feminismus und Postkolonialismus und Menschenrechtsverletzungen, insbesondere gegen Frauen, in Mexiko zu machen. Also wenn jemand Kontakte zu deutschen Zeitungen, anderen blogs etc. hat, die an der Publikation dieser interessiert wären, dann sagt mir Bescheid.

Es gibt natürlich noch tausend andere Sachen über die ich schreiben könnte, aber es sind ja mittlerweile schon 7 Seiten geworden. Aber wenn euch ein bestimmtes Thema interessiert oder ihr Fragen habt, dann schreibt mir mal (annabell.oaxaca@gmx.de), dann schreib ich den nächsten Blogeintrag dazu. Y adelante companer@s!!! Jetzt erwarte ich natürlich auch Berichte aus Kurdistan und Argentinien!!!!!

Und zum Schluss noch ein wunderbarer Gedanke vom Subcomandante Marcos, der mich hier stehts begleitet:

„… seither gehen sie (die wahrhaften Menschen) fragend voran und bleiben nie stehen, kommen nie an und gehen nie fort“

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Buchempfehlung: La Negra (Raul Zelik)

aufsehenerregend, spannend, unglaublich toll, mehr davon, quasi unschlagbar, sexy, libertär

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