Eigentum – Sie hatten keines oder hatten es zusammen

Langweiliger aber thematisch passender:
Herausforderung Gemeinschaft: Funktionswohnen, Kollektives Eigentum, Dinge organisieren oder Handeln mit Verantwortung

Einige Menschen wissen schon Bescheid: Wir, d.h. ich und andere Mitbewohner_innen in meinem Hausprojekt tragen uns mit dem Gedanken des Funktionswohnens (FuWo’s). Hier soll jetzt folgen, welche Gründe für mich für diese Form des Zusammenlebens sprechen und warum ich sie für eine politische weil private Herausforderung in der Auseinandersetzung mit mir selbst halte und warum das keineswegs der Weisheit letzter Schluss, sondern vielmehr ein Aufruf zur Diskussion und Suche nach alternativen Lösungsansätzen, Ideen, Anregungen, Reaktionen – erbosten als auch erfreuten – und dem ganzen Kladderadatsch ist, der sich da Vielfalt nennt und herzlich willkommen ist.

Vieles hat seine Wurzeln in der Vergangenheit und so auch die kleine, persönliche Geschichte meines Privateigentums. Ich bin in ziemlich wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen. In der Rückschau gesehen konnte ich nie materiellen Mangel beklagen. Meine Realität hielt lediglich dem Vergleich mit dem Sportwagenquartett nicht stand. Doch damals war mir eben noch nicht bewusst wie gewaltvoll das Denken in (Sich-)Vergleichen sein kann.

Neue Perspektiven erfahren
Vor einigen Jahren unternahm ich dann eine ausgedehnte Reise durch die Americas der Mitte und des Südens. Hier hatte ich die wertvolle Chance diesen meinen materiellen Reichtum aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Ich war jetzt nicht mehr ziemlich wohlhabend. Ich war verdammt wohlhabend. Weil ich mir selten Gedanken über Geld machen musste und wenn dann waren es nie Existenzielle. Gleichzeitig genoss ich die wohl größte Freiheit meines Lebens: Weg von zu Hause, eigene Entscheidungen treffen und ganz ohne Erwartungen an meine Person, weil mich bis auf einen niemand dort kannte, wo ich hin kam. Was auch dazugehörte: Ich verfügte in dem Moment über knapp einen Rucksack voller Dinge, die es zu verwalten galt. Auch dieser Besitz wurde mit der Zeit immer kleiner. Bis ich irgendwann vollkommen auf mich gestellt mit dem Postschiff stromauf den Amazonas durchquerte, mit nur der Sorge um Tagebuch und Notizheft. Es war auf einmal erstaunlich viel Zeit da, die ich mit Menschen und Büchern verbringen konnte.

Flucht aus der Gemeinschaft in die Gemeinschaft
Nach Monaten dieser Unabhängigkeit wurde ich des Reisens überdrüssig und kehrte freiwillig in das Haus meiner Eltern zurück; mit dem Vorsatz, wieder eine Zeit lang mit meiner Familie zusammen zu leben. Ich war nachhaltig beeindruckt von meinen Reisen; wie vielen Menschen doch die mir bis dato selbstverständliche Flucht aus dem elterlichen Hause in die eigene Wohnung verwehrt ist. Ein guter Freund würde diese Flucht vermutlich als liberale Hintertür benennen. Jedenfalls sah ich, wie vielen Menschen für die Option „Ruhe-der-eigenen-4-Wände“ schlicht die finanziellen Möglichkeiten fehlten. Sie waren zur Gemeinschaft und zur Aushandlung gezwungen. Ich selbst hatte die Wahl und entschied mich dieses Mal bewusst für die Gemeinschaft der Familie. Wir hielten es in dieser Gemeinschaft nur begrenzt lange miteinander aus. Nach 1,5 Jahren zog ich wieder aus und suchte mir als nächstes eine sog. intentionale Gemeinschaft: Das Hausprojekt, welches ich schon einige Jahre über Freund_innen kannte. Ein Grund für diese Wahl war die Idee vom Kollektivbesitz. Küche, Bäder, Gemeinschaftsraum, Werkzeug, Werkstatt, Klopapier und Zahnpasta standen uns allen zur Verfügung.

Reflexe des Eigentums
Nach einiger Zeit fielen mir ein paar Reflexe auf, die ich bisher nur vom Privateigentum zu kennen glaubte. Wir beschützten unser Eigentum vor denen da draußen. Wir versuchten es zu mehren wo es nur ging. Ich entwickelte eine wahre Kultur des Sperrmüllkonsums – solange es gratis und der Platz vorhanden war. Üben wir, die Konsumkritischen, vielleicht auch nur solange Kritik am Konsum wie er für uns unerreichbar ist? Ich habe öfter das Ivar-Regal mitgenommen, als das es ein_e andere_r bekäme. Haben, Haben, Haben, kann mensch ja sicher irgendwann gebrauchen. Wir hatten Angst, dass uns der Garten leergefressen wird, wenn wir ihn mit Leuten von Draußen betrieben, unsere Fahrräder nicht mehr unangeschlossen auf dem Hof stehen könnten, Menschen neugierig in unser Haus spähten und überhaupt bewegten wir uns in einer Aura der Exklusivität. Zugegeben, nicht so exklusiv wie das bundesdeutsche Privateigentum an Automobilen aber immerhin wollten wir es nur mit einer handverlesenen und überschaubaren Gemeinschaft zu tun haben. Interessanterweise funktionierte die Verwaltung des Kollektiveigentums selbst in dieser überschaubaren Gemeinschaft schlecht. Unter Verwaltung verstehe ich Anschaffen, Aufräumen, Sortieren, Instandhalten und Reparieren. Diese Liste an Tätigkeiten kennt sicher jede Besitzende und jeder Besitzende und kann sie problemlos fortführen.

Privateigentum, Kollektiveigentum und Ich
Im Privateigentum liegt für mich zum Teil ein individualisierter Sachzwang zur Verantwortung begründet. Wenn ich nicht aufräume und ich niemanden für diese Arbeit bezahlen kann, noch jemenschen für lau dazu bringen kann – bspw. aufgrund der gesellschaftlichen HERRschaftsverhältnise – stehe ich in einem unaufgeräumten Zimmer. Dann gibt es 2 Varianten: Ich arrangiere mich mit dem Chaos oder ich steh auf Ordnung und räume auf. In jedem Fall handelt es sich um erreichbare Ziele in der privaten Bude. Ich kann allein aber fein aufräumen. Pfuscht mir wer anders dazwischen kann ich diese Person zur Verantwortung ziehen. Dasselbe gilt fürs Kaputtmachen. Wenn ich mein Fahrrad nicht in Ordnung bringe und nicht dafür sorge, das es wer anders für mich tut, kann ich kein Fahrrad fahren. Bei unseren Gemeinschaftsfahrrädern und beim Werkzeug war das anders. Sie wurden oft benutzt bis sie kaputt waren. Dann kam das nächste dran. Das Bad wurde nur selten und wenn dann von denselben Personen geputzt. Das Gleiche galt für die Küche. Diese Entwicklung nahm ich als allgemeinen Abwärtstrend wahr und war selber mit von der Partie. Tatsächlich entwickelte sich dann bei den Dingen, die ich noch so tat eine Haltung von „Ich bin hier wohl die einzige Person, die überhaupt was tut“. Das macht ganz doll doofe Gefühle von Groll und Groll muss raus, wir richten ihn sonst allzu oft gegen uns selbst. Das schreit heute bei mir nach mehr und tieferer Kommunikation – über Dinge und den Prozess wie wir (gem)einsam Dinge tun.
Es geht meiner Ansicht nach bei dieser Kommunikation vor allem darum, sich über Bedürfnisse auszutauschen. Aufräumen, Verantwortung übernehmen und allgemein was-tun habe ich lange Zeit als Gerechtigkeitsfrage behandelt. Wenn ich der Überzeugung bin, dass ich der einzige bin, der hier überhaupt noch was tut, vergleiche ich meinen Arbeitsprozess (=Zeit die ich in eine mir wichtige Tätigkeit stecke) mit den augenscheinlichen Arbeitsergebnissen der anderen. Gerechtigkeit ausbaldowern heißt aber, im Besitz eines objektiv bestimmbaren Maßes an zu leistender Arbeit zu sein. Objektiv bestimmbare Normen sind ein Kennzeichen unserer Kultur und ich denke sie, taugen wenig bis nichts im Umgang mit Menschen. Erstens haben alle Menschen ihr ganz individuelles Maß an Möglichkeiten und Prioritäten, ich fasse beide an dieser Stelle zu Bedürfnissen zusammen. Zweitens war das objektiv notwendige Maß an Arbeit in unserem Hausprojekt eine einzige Überforderung – überall und ständig. Was also ist fair? Dass alle gleichermaßen überfordert sind? Dass wir uns in Gerechtigkeit zerfleischen oder dass wir entlang der persönlichen Bedürfnisse das gemeinsam Mögliche aushandeln? Bedürfnisorientierung braucht sehr viel Kommunikation und Auseinandersetzung. Kommunikation braucht Zeit. Kommunikation in der Gruppe ist nichts, was wir in die Wiege gelegt bekommen hätten. Mir jedenfalls fällt es bedeutend schwerer, Schwäche gegenüber allen zu zeigen, mit denen ich eine Hausnummer teile als z.B. im Zimmer meiner kleinen geschützten Liebesbeziehung. Und nicht nur das: Es sind gar nicht immer nur die anderen. Ja vor allem vor mir selbst fällt es oft schwer zuzugeben: Ich kann nicht (mehr). Erstens ist mein todo-Zettel soundso lang, zweitens kann es das doch noch nicht gewesen sein und drittens: Was werden denn dann die anderen von mir denken? Das alles spielt sich ganz allein in meinem Kopf ab und mit diesem Film betrete ich dann meine Gemeinschaft. Dieses Spannungsverhältnis zwischen mir dem Individuum und der Gemeinschaft in der ich lebe – dieses auf mich selbst klarkommen und dann erst im nächsten Schritt auf die vielen Menschen vor meiner Zimmertür; nur um festzustellen, dass ich ja doch das ehrliche Feedback der anderen brauche, um überhaupt meinen individuellen Filmen (=Wahnvorstellungen, Gehirngespinsten und negativen Glaubenssätzen à la „Das finden die bestimmt nicht so toll von mir“) auf die Schliche zu kommen, sich die Katze also in den Schwanz beißt und umgekehrt, das allein sprengt hier den Rahmen und will woanders mit mehr Raum zur Entfaltung behandelt werden. Jedenfalls will ich hier hin: Tiefgehend in der Gruppe kommunizieren statt 1:1 Kommunikation mit Einzelpersonen. Denn so würde ich die Architektur meines derzeitigen sozialen Netzes fassen: Alle Fäden gehen von mir aus zu den Menschen, die wiederum ihre Fäden in den Händen halten und sich meist zu zweit treffen, wenn es um tiefgehende Dinge geht. Ich glaube, wenn wir gemeinsam Dinge verwalten wollen, kommen wir nicht umhin, über uns zu reden, über dass was für uns möglich ist und was hinter unseren Möglichkeiten, Grenzen und Schwächen liegt.

Sachzwang zur Ordnung
Hier kommt mein Klassiker. Wir beide haben uns vielleicht schonmal drüber unterhalten. Die kommende Aussage baut auch ganz bestimmt Druck bei einigen Menschen auf. Ich bin froh, wenn wir alternative Lösungsvorschläge für dieses Dilemma finden:
In meinem eigenen Zimmer, wo in der Regel ausschließlich ich umherwusele, funktioniert das Haufenprinzip. Alle Dinge landen irgendwo, wo ich sie das letzte Mal gelassen habe und in sagen wir 70% der Fälle kann ich mich daran erinnern, wo ich sie liegen gelassen habe. Ein das Chaos beherrschendes Genie käme vielleicht auf um die 99%. Das eine Rest-% geht aufs Konto der sockenvertilgenden Hausprojektkobolde. Woran selbst das Genie mit fotografischem Gedächtnis aber scheitern wird, ist das Erinnerungsvermögen, wo eine andere Person als sie selbst eine Sache abgelegt hat. In dieser Tatsache begründe ich meinen Sachzwang zur Ordnung und wer keine Nerven, Lust oder Zeit für Ordnung hat, sollte diesen Aspekt des Funktionswohnens nicht unterschätzen. Ich glaube es kann nur funktionieren, wenn ALLE Dinge des täglichen Gebrauchs ihren festen Platz haben. Eine andere wirklich realistische Chance, die Dinge sonst zu finden fällt mir derzeit nicht ein. So wie wir unseren Küchenschrank geordnet haben (Gabeln, Schüsseln, Löffel) werden dann auch der Kleiderschrank, das Bücherregal, die Batteriekiste, der Rucksack-und-Umhängetaschen-Schrank, das Schraubenfach, das Schuhregal und das Sonnenbrillenkästchen ihre Ordnung bekommen. Unser gemeinsames Bücherregal ist mal ein Beispiel, das es auf den Punkt bringt: Wir holen uns die Welt der Ordnungssysteme ins (Nicht-Waren)Haus. Wie im H&M die Kleider so sortiert sind, dass jede_r KundIn sie auch findet, wie im Baumarkt die Muttern und Schräubchen durch nachvollziehbare Kategorien von Größe und Umfang geordnet sind, wie in der Bibliothek die Bücher ein System verpasst bekommen, sodass sie bestenfalls durch alle Nutzer_innen gefunden werden können, so bekommen die Dinge auch beim Funktionswohnen – so wie ich es mir vorstelle – ein System verpasst. Ich hab Lust mich damit weiter auseinandersetzen. Wie Dinge und Gedanken an den Ort zu bringen sind, wo sie benötigt werden ist mehr als ein Studienfach für mich. Oder wie ein Freund es von mir ausdrückte: Verkehr entsteht, wenn etwas verkehrt steht. Übrigens die Schraube an der in dieser Formel noch am besten gedreht werden kann, ist das etwas. Wenn wir das etwas verringern, verringern wir auch die Menge der Ordnungsarbeit. So wie mit meinem Rucksack auch mein Kopf immer leichter wurde…

Teile und werde nicht von den Dingen beherrscht
Damit bin ich auch schon wieder auf der Haben-Seite des FuWo’s: Ressourcen teilen statt kaputt-stehen. Das ist ökologisch und antikapitalistisch möchte ich hoffen. So wie bereits die Wohngemeinschaft eine ressourcensparende, soziale und kommunikative Alternative ist, die ihre Fortentwicklung wiederum im Hausprojekt findet, stellt FuWo hier einen weiteren Schritt dar. Die Idee von der gemeinsamen (Wasch)-küche ist übrigens auch in Deutschland schon alt und wurde (nicht nur hier) durch Faschismus und Nachkriegs-Kapitalismus verschleppt. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts entwarf Lily Braun als Feministin ausführliche Wohnkonzepte vergesellschafteter Reproduktionsarbeit, die eng mit der Emanzipation der Frauen zusammen gedacht waren. Der Faschismus liquidierte oder eroberte jedoch sämtliche Teile der fortschrittlichen Frauenbewegung und setzte an die Stelle der emanzipativen Gemeinschaft seine Volksgemeinschaft. Gleich im Anschluss trat der Kapitalismus mit dem Produktivitätsversprechen seiner Haushaltswarenindustrie auf („Ach das bisschen Haushalt macht sich doch von allein“,“Jeder Haushalt eine Waschmaschine“) und trieb diese Prozesse der Vereinzelung konsequent fort. An die Wurzeln dieser politischen Kämpfe gegen Individualisierung und für Gleichstellung will ich anknüpfen und vor allem über sie hinausgehen. Und ich möchte aber noch viel weiter zurückgehen: Der Armutsstreit im Franziskanerorden zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Es begab sich zu jener Zeit, dass die radikale Abspaltung der sog. Franziskanerspiritualen im Orden auf ein höheres Armutsideal drang, als es von der Mehrheit der Bettelbrüder gelebt wurde. Daraus entspann sich ein sehr heftiger Streit – Details breite ich gerne in Gesprächen weiter aus. Über einige spitzfindige juristische Winkelzüge hinaus machte ihr Wortführer Ubertin von Casale in diesem Streit ein paar triftige Argumente zur Armutspraxis. Er orientierte sich am tatsächlichen Gebrauch der Güter und formulierte ein aussschließendes Nutzrecht, was sich nicht einklagen oder einfordern ließ. Nicht einmal Verbrauchsgüter sollten demzufolge Kategorien von mein und dein kennen. Denn wenn ich das Brot esse, kannst Du es nicht mehr für dich in Anspruch nehmen. Wenn ich in den Sandalen gehe, kannst Du mich nicht dafür verklagen. Wir müssen in Austausch über unsere Bedürfnisse treten, es braucht also einige Gründe statt einen gewieften Anwalt um Ledersandalen, Stereoanlagen oder Wanderstöcke zu akkumulieren. Die Parole „Eigentum ist Diebstahl“ kommt mir sofort in den Sinn. Ubertins Gegner wollten über genau diese Verbrauchsgüter eine einklagbare Verfügungsgewalt „soweit-notwendig“, die dem Nicht-Gebrauch durch Besitz Tür und Tor öffnete. Die Franziskanerspiritualen verloren diese Auseinandersetzung und ließen ihr Leben in großer Zahl auf dem Scheiterhaufen der aufkommenden Inquisition.
Unsere Armuts- bzw. Besitzpraxis ist eher mit jener der Benediktiner vergleichbar, die – ebenso als Bettelorden – in der Lage waren, im Laufe der Zeit große Mengen von Eigentum durch sparsamen Verbrauch und verhältnismäßig harte Arbeit anzuhäufen. Das Gemeineigentum war die Basis ihres relativen Reichtums. Durch die Form der engen Kooperation, durch unser gemeinsames Schaffe-Schaffe gelingt es uns in einer für unsere finanzielle Situation untypischen Qualität zu leben. Aufgrund politischer Verhandlungsstärke, die ich ebenfalls als Ausdruck enger Kooperationsarbeit verstehe, existieren wir als Hartz-IV-Bezieher_innen im gentrifizierten Stadtkern von Potsdam und ziehen in Erwägung ein extra Arbeitszimmer einzurichten. Wir beziehen und verteidigen unsere Freiräume nicht selten mit dem Argument von diesen Basen aus den Kampf der Besitzlosen führen zu müssen und verweilen oft am Punkt dieser eigenen Existenzsicherung. Wer sich keine großen Gedanken um Eigentum machen muss, erscheint mir als wahrhaft freier Mensch. Ich bin das nicht, denn ich bin vor allem noch in meinem Kopf damit beschäftigt, es abzuschaffen. Auch dafür will ich FuWo. Jene Besitzlosen, von denen es heißt, sie hätten nicht mehr als ihre Ketten zu verlieren, sind von meiner Utopie aber ebenso weit entfernt. Sie machen sich Gedanken über das Eigentum, vor allem weil ihre Besitzlosigkeit scheinbar durch ein Noch-nicht-Besitzen gekennzeichnet ist. Wer also ist tatsächlich besitzlos und will es nicht nur sein?

„Aber das müssen Sie doch sehen!“
Um jetzt nochmal nachvollziehbar den Bogen zum Funktionswohnen zu kriegen: Bei den Franziskanern ging es um den Unterschied zwischen der Eigentums-Rhetorik und der tatsächlichen Eigentums-Praxis. Mir geht es um denselben Punkt bei uns „Linken“. Wir kennen uns bestens mit Konsum aus, wissen ziemlich genau wo unsere Nikes oder Jack Wolfskins unter welchen Bedingungen hergestellt sind und frönen doch am liebsten allein deren Konsum. Beim Teilen dieser Güter geht es schnell ans Eingemachte. Ich selbst spreche seit Jahren davon, und wage jetzt erst die Praxis in Erwägung zu ziehen. Dabei gibt auch mir der Blick auf unser Werkzeug immer wieder das Signal, meine Fahrräder nicht einfach zu teilen. Ein Mitbewohner der auszog, gab dies als Grund unter vielen an: Weil sich für ihn in der Behandlung unseres Gemeineigentums keine Wertschätzung zeigte, die Gemeinschaft für ihn zu wenig spürbar war. Wir wohnen in Hausprojekten und individualisieren nach wie vor unsere Sorge um die nächste Miete. Wir sorgen uns um unsere Erwerbsbiografie; darum, dass kein Fleck unseres Engagements zurückbleibt und spätere Lohnarbeitsträume verbaut. Für mich ist das eine sehr schmerzhafte Absage an das Gemeinschaftsversprechen, von dem wir uns doch wünschen, es möge in die Gesellschaft ausstrahlen. Im Kern bedeutet das für mich, dass Arbeitsmarkt, Rentenversicherung und Deutsche Bank uns mehr Sicherheit zu versprechen imstande sind, als unsere eigene Utopie.
Daran will ich rütteln. Für mich. Und um wenigstens ein halbwegs realistisches Beispiel anzubieten.

Und Du?
Was hältst Du von Funktionswohnen?
Möchtest Du es ausprobieren?
Wenn ja, warum?
Wenn nein, warum nicht?
Lass uns reden.
Lass uns handeln.

[Stand: 2013-09-20]

Dieser Beitrag wurde unter Theorie abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Eigentum – Sie hatten keines oder hatten es zusammen

  1. Torsten sagt:

    Pling-plong. Hab gerade deinen Text über Fuwo gelesen. Die Frage, wie sich in der Gemeinschaft das Häufchenprinzip sinnvoll ersetzen lässt, treibt mich auch immer wieder aufs Neue um.

    Ich rede mal in Beispielen. Namen sind frei erfunden und eventuelle Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen sind nicht beabsichtigt.

    Alice ist ja eine sehr motivierte Mitbewohnerin, die allerlei Schilder schreibt, Anordnungen erdenkt und Prozesserleichterungen vorschlägt. Ich überlege mir meistens nur, was man mal machen könnte, um die Übersicht zu wahren, setze es aber nicht um, weil ich die Enttäuschung voraussehe und den Aufwand scheue. Bei Alice scheint es genau andersrum zu sein. Sie macht erst mal und scheut überhaupt nicht den Aufwand und sieht dabei nicht, dass es so nicht funktionieren wird, weil ihre neue Ordnung von der breiten Masse nicht angenommen werden wird.

    Unser beider Umgang mit der Situation ist auch völlig verschieden und beides führt nicht zum Ziel: Ich akzeptiere, wenn jemand meint, Gegenstand A müsse neuerdings an Ort B liegen — unabhängig davon, ob das aus einer absichtlichen Umplatzierung oder einer unachtsamen Häufchenbildung im öffentlichen Raum resultiert. Ich frage dann höchstens irgendwann mal, wenn ich wiederholt suchen muss, ob wir uns nicht doch mal auf ein kohärentes Vorgehen einigen können. Alice macht gar keine Diskussion auf, sondern verkündet, dass sie möchte, dass wir das jetzt so und so machen.

    Nun leben bei uns auch ordnungophobe Menschen wie Bob. Ich gebe mit meiner Strategie Bob alle Freiheiten. Er kann seinen Kram überall rumliegen lassen und kollektive Dinge in seinem Zimmer anhäufen, ohne dass ich ihn darauf hinweisen würde. Ich muss selber einen Umgang mit der Situation finden, um nicht negative Gefühle anzustauen.

    Alice setzt mit ihrer Strategie Bob unter Druck, es ihr recht zu machen, obwohl er eine andere Meinung hat und gar nicht findet, dass hier auf diese und nicht auf jene Weise gestapelt werden muss. Bob muss einen Umgang mit der Situation finden, um nicht negative Gefühle anzustauen.

    Ich dachte früher mal, dass wir alle irgendwie letztlich das gleiche wollen und uns nur mal zusammensetzen müssen, um zu klären, wie wir es nun machen. So ist es aber nicht. Wir alle wollen Dinge finden. Aber wie das in der Praxis aussieht, darüber besteht Uneinigkeit. Es gibt die, die immer Tabula rasa haben wollen — weite, leere, unverstellte Gänge; saubere, verschlossene Ablagen, in denen alles seinen Platz hat; wer etwas benutzt, trägt es unverzüglich an seinen angestammten Platz zurück; wenn etwas kaputt oder aufgebraucht ist oder wird, dann wird Ersatz beschafft. Auf der anderen Seite gibt es die Laissez-faire-Haltung — alles bleibt gleich da, wo es zuletzt gebraucht wurde; das spart Arbeit, falls es noch jemand anderes braucht; Kommunikation ist unerlässlich, um Dinge aufzufinden. Und es gibt alles dazwischen. Bei uns ist das ganze Spektrum vertreten.

    Sämtliche Diskussionen über die konkrete Ausgestaltung der gemeinsamen Güter- und Raumnutzung sind meiner Meinung nach zum Scheitern verurteilt (entweder während der Diskussion oder — was frustrierender ist — erst in der Umsetzung nach einem Lippenkonsens), wenn sie nicht von einer von vornherein festgelegten Positionierung der Gemeinschaft auf dieser Tabula-rasa-Laissez-faire-Skale ausgehen.

    Die einzige Lösung ohne diese Einigung in der Grundhaltung scheint mir zu sein, generell wenig zu haben, was bei n<=5 Personen realistisch ist. Bei n=16 ist es ausgeschlossen. Selbst ein hypothetisches ausgeklügeltes RFID-, Funkortungs- oder Alle-Dinge-haben-Roboterbeine-System würde hier kaum helfen, da standfeste VertreterInnen beider Skalenenden diese Systeme für nutzlos halten, wenn doch nur alle Mitglieder der Gemeinschaft sich ihren eigenen Idealvorstellungen entsprechend verhielten.

    Ich leite aus diesem Dilemma zwei mögliche frustfreie Lösungen ab, die beide eine Einigung in der Grundhaltung voraussetzen:

    Erstens. Wir einigen uns darauf, unsere eigene Grundhaltung individuell zu reflektieren und anschließend zu akzeptieren, dass Menschen verschieden sind und sich unsere jeweils eigenen Idealvorstellungen nicht zu hundert Prozent in dieser vorliegenden Gemeinschaft umsetzen lassen. Daraus folgt, dass ich im Gemeinschaftsraum wohlwollend auch Aufgaben übernehme, die ich subjektiv anderen Gemeinschaftsmitgliedern zuordne, dass ich Dinge, die mir wichtig sind, nicht mit der gesamten Gemeinschaft teilen kann und dass ich die Freiheit brauche, in meinem eigenen privaten Wohnraum alles zu lagern, was mir gehört und meine Häufchen zu bilden.

    Zweitens. Wir einigen uns darauf, unsere eigene Grundhaltung individuell zu reflektieren und teilen uns anschließend in Gruppen mit untereinander verschiedenen, in sich jedoch ähnlichen Grundhaltungen auf, die unter sich wiederum konkretere Regeln des Zusammenlebens entwerfen. Unabhängig davon, wo auf der Skale sich eine Gruppe befindet, scheint mir Fuwo möglich zu sein.

    Ich selbst habe im Prinzip große Lust, Eigentum prärevolutionär individuell abzuschaffen — aber nicht zur Zeit mit meinem gesamten Projekt. Mit einem sorgsam ausgewählten Personenkreis in einem neu zu gründenden Projekt schon.

    2bc

Schreibe einen Kommentar zu Torsten Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.